Speicherfresser Fußball

Das Erinnerungsvermögen eines Menschen ist ja eine phänomenale Einrichtung innerhalb des Wunderwerks Gehirn. Unglaublich viele einschneidende oder auch manch unwichtige Erlebnisse werden über Jahrzehnte archiviert und können bei Bedarf abgerufen werden. So weiß ich beispielsweise noch, dass ich im Sandkasten meine Förmchen am liebsten mit einer gewissen Ulrike H. geteilt habe, aus der später eine bescheuerte Tussi wurde und ich erinnere mich noch sehr genau, wie mich der damals schon kretinöse Rudi R. 1973 im Treppenhaus absichtlich über die Klinge springen ließ, so dass ich schmerzhaft über die Linoleumtreppen segelte. Aber unglaublich viel ist verschütt gegangen im Laufe der Jahrzehnte.

Später interessierte ich mich allerdings, wie alle Mädchen, für die Bay City Rollers, John Travoltas Hüftschwung in Saturday Night Fever und – für Fußball. Trotzdem kann ich die Bandmitglieder der Schottenband heute nur noch lückenhaft benennen, habe den Night-Fever-Dance, den ich en detail beherrschte, längst verlernt und auch aus fußballerischen Gefilden sind nur noch Bruchstücke vorhanden. Dafür bin ich aber über die neueren (letzte 20 Jahre) intra- und die meisten extrafamiliären Geschehnisse recht gut vollkommen im Bilde.
Umso stolzer war ich, als ich das Quiz in der neuen Ausgabe der „11 Freunde“ zumindest teilweise allein lösen konnte. Ich wusste sofort, wie der gesuchte Fußballer heißt, aber bei den gefragten Feinheiten wie Karrierestationen und Highlights herrschte Ebbe im Pool.

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Der MamS war in seiner Jugend auch Musik- und Fußballfreak. Aber noch heute kennt er, im Gegensatz zu mir, sämtliche auch wechselnden Besetzungen der damals angesagten Bands und er konnte die jetzt im Quiz gefragten Details ausspucken wie eine gut geölte Waffe: Der gesuchte Fußballer hat mit seiner Mannschaft 1967 die Glasgow Rangers geschlagen durch Tor von blablabla in der blablabla Minute, gegen Leeds United zack in der blablabla Minute, Wiederholungsspiel, weil es noch kein Elfmeterschießen gab, blablabla, Billy Bremner tritt Uli Hoeneß fast kaputt, blablabla. Wie ein Fußball-Almanach leierte der MamS die Antworten herunter und in einer Atempause fragte ich ihn frech, ob er denn wisse, um welche Uhrzeit unsere Kinder denn dem Licht der Welt ansichtig geworden seien und seine Antwort war: „Ähhh. Mal überlegen. Hmm. Früh irgendwann. Keine Ahnung“

Das ist doch mal wieder typisch für so ein männliches Gehirn von der Stange: Sämtliche überflüssigen Informationen werden abgespeichert bis zum St. Nimmerleinstag und können so plastisch wie eine Fotografie wiedergegeben werden, während so elementare Angaben wie Geburtsgewicht oder gar –zeit der eigenen Kinder der Ursuppe des Vergessens anheimgefallen sind! Das Argument des selektiven Gedächtnisses lasse ich nicht gelten, denn ich weiß, dass dem MamS seine Kinder mehr am Herzen liegen als irgendein dröger aufregender Pokalkick Ende der Siebziger. Trotzdem hat in seinem Hirn die Gewichtung der gespeicherten Cluster wohl irgendwie Schlagseite.

Meine Merkfähigkeit und ich befinden sich eher in der Gegenwart: Mein Gehirn kann sich daran erinnern, dass wir schon im letzten Jahr zum Geburtstag Chili con Carne gekocht haben und das nicht schon wieder machen sollten, dass die Bekannte C. nur Rotwein der Marke „Pennerglück“ mag und dass das ansprechend aussehende Antipastiglas aus dem Discounter trotzdem schmeckt wie eingeschlafene Füße.

Der MamS muss sich heute auch die kleinste Besorgungsbitte aufschreiben und nach Telefonnummern und Geburtstagen brauchte ich ihn gar nicht erst zu fragen. Er kann sich ums Verrecken nicht merken, wie man eine SMS verschickt aber er weiß so unglaublich wichtige Sachen wie die, dass „Katsche“ Schwarzenbeck auch schon unter Gyula Lorant trainiert hat, „Eisenfuß“ genannt wurde und der Adjutant des Kaisers und späteren Lichtgestalt war. Wahrscheinlich ist seine interne Festplatte angesichts der Legionen umfassenden Kicker-Infos rappelvoll und für andere Auskünfte einfach nicht mehr verfügbar.

Ich könnte all diese Informationen ja, wenn ich sie denn unbedingt bräuchte, auch aus den Weiten des Netzes fischen. Rest- und schonungslose Aufklärung in jeglichen denkbaren und undenkbaren Bereichen finde ich dort – alles, enorm Interessantes oder Saublödes ist in dieser gläsernen Welt dokumentiert aber die wirklich wichtigen Sachen findet man dort nicht, sondern nur in meinem Kopf: 8.49 Uhr und 12.09 Uhr.

Euch eine längere Nacht wünscht
moggadodde
Scheiß Zeitumstellungsmist!

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Dieser Eintrag wurde in Daily Soap veröffentlicht.

4 commenti su “Speicherfresser Fußball

  1. socki sagt:

    So einen habe ich hier auch zu Hause. Der kann jede Sport- und Musikfrage beim Jauch beantworten. Bei manch anderen Dingen setzt sein Erinnerungsvermögen total aus. Ich glaube das liegt bei dem fehlenden Chromosombeinchen. Beinchen weg, Erinnerungen weg!

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  2. moggadodde sagt:

    @ socki: Über jeden Flöhkick von 1983 weiß er zu berichten. Die Fußballversessenheit hat zwar nachgelassen mit den Jahren, er ist gemäßigt, aber trotzdem kann er sich die Ergebnisse, Torschützen und Spielernamen merken wie ein Elefant.
    Chromosomen oder Gene. Irgendwas ist immer 😉

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  3. prey sagt:

    Jeder hat so seine Macke: Ich kann Liedertexte auswendig, wenn ich sie zweimal gehört habe. Alles, auch wenn ich den Text echt unter aller Sau finde. Aber die fachlichen Details für die Diplomarbeit muss ich mir ins Hirn kloppen und mindestens zehnmal nachlesen. Zum Glück habe ich den Einkauf und die wichtigsten Daten im Griff. Puh! :o)

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  4. moggadodde sagt:

    @ prey: Das mit den Texten kann ja u.U. auch ein Fluch sein, oder? Kaum haste zweimal Tokio Hotel im Radio gehört, verfolgt dich „Schrei“ bis in den Schlaf … 😉
    Unglaublich, was das Hirn alles leisten kann, wenn es will …

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