Kriminellogramm

Warum in einer Gegend, die als schneearm bekannt und speziell in einem Dorf, das gerade mal lumpige 280 m über dem Meeresspiegel angesiedelt ist, zweimal im Jahr eine Apres-Ski-Party stattfindet, hat sich mir als bekennendem Sommersympathisanten sowieso nie erschlossen. Trotzdem übt die Veranstaltung besonders auf die Jugend eine grandiose Anziehungskraft aus.
Ich selbst wüsste wahrlich angenehmere Unternehmungen, als mir bei frostigen Temperaturen auf einem Sportplatzgelände stundenlang die Beine in den Bauch zu stehen, um mit lautem, nahe an der Schmerzgrenze liegendem Liedgut, das vornehmlich das Luder Joanna und einem gewisses rotes Pferd behandelt, beschallt zu werden, während ich mich frage, ob die schwarzen Flecken auf meinen Fingern noch Zigarettenasche oder schon Erfrierungen sind. Deshalb erteilte ich Dixies Bitte, sie als Erziehungsberechtigte zu diesem Dorfereignis zu begleiten, eine eiskalte Absage. Dass sie ihren Vater nicht zu fragen brauchte, wusste sie selbst.
Erst in 5 Wochen darf sie endlich ihren 16. Geburtstag feiern, weshalb ihr der Zutritt per Gesetz sicher verwehrt werden würde, aber Dixie und ihre fast zwei Jahre ältere Schulfreundin haben sich trotzdem auf den Weg gemacht. Notfalls würden die Damen den heutigen Abend also einfach vor der Absperrung verbringen, wo sich immer einige Gruppen zum Vorglühen versammeln. Die Musik ist dort genauso laut wie hinter den Zäunen (sie ist ja sogar bis hierher zu hören), den Eintritt hat man sich gespart und irgendwelche bekannten Gesichter trifft man dort ja auch immer – man kennt sich schließlich im Dorf.

Zunächst spielte sie kurz mit dem Gedanken, eine List anzuwenden eine Urkunde zu fälschen. Sie hat nämlich herausgefunden, dass die „1“ auf der Banderole einer Zigarettenschachtel

in Form und Größe genau den Zahlen des Geburtsdatums in ihrem niegelnagelneuen Personalausweis entspricht und hätte flugs mit etwas Pattex aus dem Geburtsjahr 1993 ein eintrittstaugliches 1991 gezaubert. Dass ihr doch nicht wohl bei der Sache war, entnehme ich dem Umstand, dass sie mich wegen eines möglichen Strafmaßes für diese Tat befragte. Dass ich da etwas dicker als nötig aufgetragen habe, ist sicher nachvollziehbar. Immerhin halte ich ihr zugute, dass ihr Skrupel kamen, bevor sie der Kriminalität gänzlich anheim gefallen ist.

Es reicht schon so, dass sie vor einer Weile eine fremde, in einem Zigarettenautomaten vergessene Scheckkarte mit Chip einfach behalten hat, um damit den Altersnachweis für den künftigen Fluppenkauf zu erbringen, was sie mir erst nach ein paar Wochen erzählt hat, vollkommen ohne Unrechtsbewusstsein und ohne nachvollziehen zu können, dass die arme A.L. aus der Rhön, die eigentliche Karteninhaberin, wegen des verlorenen Stücks Plastik einen Arsch voll Gerenne hatte. Apropos „Arsch voll“: Dafür ist es bei Dixie jetzt auch zu spät.

Immerhin waren die beiden Mädchen eine Minute vor dem verabredeten Zeitpunkt zuhause, Dixie trotz zweier (zugegebener) Jacky-O’s nüchtern, die akut liebeskummerbelastete Freundin hatte wohl dem drohenden Gefrierbrand mit weiteren, innerlichen Alkoholanwendungen zu trotzen versucht und war deshalb merklich angeschickert.

Jetzt liegen beide in den Betten und ich kann endlich auch schlafen gehen. Ich schätze damit, dass ich meine Geheimnisse nie so offenherzig wie Dixie erzählt habe, sondern sie mordsmäßig angeflunkert und verkohlt habe, konnte ich meinen Eltern sicher viele schlaflose Nächte ersparen. Trotzdem ist es mir so um einiges lieber, auch wenn die ganze Sache ungleich anstrengender ist.
„Der Teufel den mer kennt, ist besser als der Teufel, den mer net kennt“, sagt der Franke. Und er hat wie immer Recht.

Euch eine beruhigte Nacht wünscht
moggadodde

Flattr this!

Dieser Eintrag wurde in Daily Soap veröffentlicht.

11 commenti su “Kriminellogramm

  1. Mephisto sagt:

    Naja… ich will dich ja nicht beunruhigen, aber es gibt ja auch bestimmte Grundsätze im Hinblick auf die „Lenkung“ der Eltern.

    Ein sehr effizienter Ansatz ist z.B., den Eltern Kleinigkeiten offen zu beichten (und dabei auch verlegen zu tun). Nach einer kurzen Diskussion ist das Thema durch, die Erzeuger sind beruhigt, dass es nichts schlimmeres ist, und die Bahn ist frei.

    Ich wünsche dir einen ruhigen Morgen 🙂

    [Antwort]

  2. moggadodde sagt:

    Wenn diese Offenbarungen Kleinigkeiten sein sollen, dürfte das Verschwiegene katastrophal sein. Tatsächlich hat meine Politik der ruhigen Hand heute gleich wieder einen Dämpfer bekommen. Aber so ist das im Leben: Schlimmer geht eben immer 😉

    [Antwort]

  3. Georg sagt:

    3 Euro 90 für 17 Fluppen? Man, das sind ja fast 8 Mark!
    Sagen wir mal, jemand raucht 30 am Tag (hab ich 20 Jahre getan), so muss man dafür knapp 7,50 Euro berappen = mal 30 = 225 Euro/Monat oder fast 500 Mark im Monat! In den Wind geblasen. Dafür könnte man sich für 225 Euro schöne Sachen im Monat kaufen.
    Und dann jammern Raucher, dass sie kein Geld haben? Booah, bin ich froh, dass ich ein halbes Jahrzehnt nun schon rauchfrei lebe!

    [Antwort]

  4. markus sagt:

    @ georg: du meine güte, diese ewig „gestrigen“. ;o)
    die dm gibts nicht mehr. also warum denn noch umrechnen.
    *kopfschüttel*

    aber mal ernsthaft, selbst ich als raucher bin dafür, dass rauchen noch teurer wird. somit wird das einsteigen immer schwerer…

    [Antwort]

  5. Georg sagt:

    Die „Gestrigen“ – oh man, Rauch zu D-Mark? Oder wie? D-Mark zu Rauchen?

    Ich habe überhaupt nichts dagegen, dass du rund 200 monatlich Euro für… ähm für was eigentlich? … ausgibst; Fakt ist, dass ich für mindestens 200 Euro im Monat viel besseres tun könnte.

    Du Raucherschweinchen Markus suggerierst ein tolles Rauchen, das nur solange toll ist, so lange nicht du oder jemand deiner Familie dadurch stirbt.

    [Antwort]

  6. markus sagt:

    200 €??? die hälfte. nur die hälfte…
    sollte ich daran sterben, ist es mir dann eh egal. bin ja nicht mehr… stürbe ein anderer, so täte es mir leid…

    [Antwort]

  7. Georg sagt:

    Es ist wie jede Sucht: Nein und überhaupt: Ich stürbe bevor ich aufhören müsste süchtig zu sein.

    Und wenn es zu teuer wird, würdest du Pflanzen pflücken, trocknen und dope-mäßig genießen. Und warum?

    Warum? Und das kann ich verstehen!

    [Antwort]

  8. Georg sagt:

    „200 €??? die hälfte. nur die hälfte…
    sollte ich daran sterben, ist es mir dann eh egal.“

    Und ab dafür ;o))

    [Antwort]

  9. moggadodde sagt:

    Meiner Bewunderung ist sicher, wer das Rauchen nur dazu verwendet, als das es eigentlich gedacht ist: Zum Genuss. Mal bei einer Feier, ab und zu am Abend in Gesellschaft – ich kenne nur eine Gelegenheitsraucherin, die ansonsten auch mal 4 Wochen gar nicht raucht. Das wäre perfekt, ist aber zugegebenermaßen die Ausnahme.
    Eine Schachtel reicht mir auch mal drei Tage, wenn’s gut läuft, wenn’s schlecht läuft, vornehmlich im Sommer, wenn man eh ständig draußen ist, nur zwei und klar ärgere ich mich, wenn ich den Automaten füttern muss.
    Das Risiko ist mir natürlich auch bewusst, aber auf das fürs Aufhören erforderliche „klick“ im Kopf warte ich bisher vergeblich, vielleicht auch weil ich mir die Sache schönrede, weil ich noch mehr rauchen könnte (aber eben auch weniger). Keiner kann behaupten, er wüsste nicht, was passieren kann – Lamentieren gilt dann nicht.
    Der MamS ist sogar nur Jux-Raucher, der sich zweimal im Jahr aus purer Gaudi eine Zigarre kauft und vor meiner Dummheit Schwäche Renitenz inzwischen leider kapituliert hat.
    Ach ja: Ich rechne auch noch um, auch wieviele Jahre nach der Umstellung? Noch so eine Kopfsache 😉

    [Antwort]

  10. biffo sagt:

    Ich war vor 30 Jahren Kettenraucher 3 mal 20 Reval – dann der Gesundheits und Fitnesstrip und nun der beim Lebensausklang an jedem Tag ein bis zwei Zigaretten.

    Ich genie0e es, wie das tägliche Glas Silvaner und wenn es vorbei ist, dann ist es eben vorbei. Aber ich habe gelebt so wie ich mich gut gefühlt habe

    [Antwort]

  11. moggadodde sagt:

    @ biffo: Reval! Die Marke, die neben „Eckstein“ auf dem Tisch lag, wenn ich mit meinem Vater beim Sonntagsfrühschoppen war!
    Du hast es ja toll geschafft, deine irrsinnige Dosis auf ein vernachlässigenswertes Maß herunterzuschrauben. Wahnsinn! Und Kompliment!

    [Antwort]

Kommentar verfassen