Kinflopp

Es ist freilich eine großartige Sache, das 36. Internationale Filmwochenende in Würzburg und sicher wird es auch in diesem Jahr wieder ein Publikumsmagnet werden. Die Schulvorführungen, zu denen sich über 1000 Schüler angemeldet haben, werden von Herrn Schulz, Lehrer und medienpädagogischem Berater beim Schulamt, zusammen mit einem Kollegen betreut.
Als der euphorischen Stimmung eines begeisterten Cineasten entsprungen betrachte ich allerdings die Aussage, die ich heute in der Zeitung las: Herr Schulz meint nämlich dort, es würde Zeit, dass „Film-Bildung fester Bestandteil des Lehrplans“ wird.
Wie meinen? Neben all den anderen, immer anspruchsvoller werdenden Aufgaben und Fächern sollen nun auch Kubrickkunde, Akinismus oder ein Hitchcock-Leistungskurs den jedweder Zerstreuung nicht abgeneigten Schüler erfreuen?
Hoffentlich verstehe ich das falsch und Herr Schulz meinte doch nur die verpflichtende, unterrichtsbegleitende Filmvorführung zur besseren Veranschaulichung des Lehrstoffs? Dagegen wäre prinzipiell nichts einzuwenden, wenngleich das auch ein ziemlich alter Hut ist: Schon zu meiner Schulzeit fläzten wir im Biosaal auf den Rängen, wo die damals schon bemitleidenswerte Lehrkraft uns eine weitere Folge Tom & Jerry präsentierte, was vielleicht seine Art war, uns in die Zusammenhänge von Nahrungskette und Energiefluss zu verdeutlichen.
Wenn aber Herr Schulz, der ja wirklich ein vollblütiger Kinofan zu sein scheint, doch erstere Variante visionieren sollte, dann halte ich das für Bullshit sehe ich das ein bisschen anders.

Zufällig just heute hörte ich auch, dass die bundesdeutschen Erzeuger jährlich bis zu 1,5 Mrd. Euro für Nachhilfestunden ihrer Lendenfrüchte berappen. 12 Prozent der insgesamt 9 Millionen Schüler büffeln mehr oder weniger regelmäßig extra, vornehmlich in den Fächern Deutsch und Mathematik und auch schon in der Grundschule. Nachhilfe ist längst keine kurzfristige Hilfestellung für schulische Minderleister mehr, sondern wird als fester Posten im familiären Haushaltsbuch geführt, so sich Eltern dieses kostspielige Vergnügen überhaupt leisten können.

Ehe nun also das Schulfach „Film-Bildung“ den ohnehin prall gefüllten Stundenplan noch weiter aufbläst, fände ich es angezeigt, Intensivierungs-, Übungs- oder Förderstunden für die prekären Fächer einzurichten oder auszubauen, damit Schüler erst einmal die unabdingbaren Fertigkeiten des Lesens, Schreibens und Rechnens, die tragenden Säulen jeglicher Bildung, verinnerlichen können.

Auch wenn ich hier nicht nur die Schule in der Pflicht sehe: Lange Anfahrtswege zum Bad, wo sich 30 aufgedrehte Nichtschwimmer für eine magere Nettozeit einer Schulstunde im Wasser tummeln oder gar gleich völlig geschlossene Schulschwimmbäder führen dazu, dass lt. DLRG satte 40 % aller 8jährigen nicht schwimmen können.
40 % Nichtschwimmer, die in der Schule im Fach „Film-Bildung“ zwar ausführlich über Brandauers Leistung in „Mephisto“ diskutierten, was ihnen im Fall des Badeunfalls nun aber gar nicht hilft, sondern vielmehr der jämmerliche Tod durch Ertrinken droht!

Das hiesige Schulsystem ist so mit Baustellen gepflastert, dass die möglicherweise im Überschwang getane Äußerung von Herrn Schulz nicht vorhandene, schulische Wolkenkuckucksheimverhältnisse voraussetzt. Über zu wenige Lehrer und zu große Klassen will ich hier gar nicht erst sprechen.
Die Vorrangwarteschlange ist zu lang, um solche Kokolorespläne wirklich für bare Münze nehmen zu können.

Euch eine lehrreiche Nacht wünscht
moggadodde

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Dieser Eintrag wurde in Daily Soap veröffentlicht.

4 commenti su “Kinflopp

  1. Birgit sagt:

    Filmbildung! Ja, da hab ich auch ein bisschen gestutzt. Da würd ich mich doch Deiner Meinung anschliessen, dass die Kinnersch vielleicht doch erst mal Grundsätzliches – “ Sitz! Platz! Pfötchen!“ – ÄH… – nein, natürlich Rechnen, Lesen, Schreiben und noch so ein bisschen Kleinkram. Und Bewegung. Sport. Musik. Aber rumsitzen und Filme gucken? Und machen die das nicht eh schon in der Schule, in der Pause – diese netten kleinen Handyfilmchen??

    [Antwort]

    moggadodde antwortet am Januar 29th, 2010 um 18:07:

    *lach* – Ohne Bindestrich sieht das aus, als benötigten die Schüler so etwas wie einen Ölfilm … Manche von ihnen waschen sich doch sowieso nur ab und zu, da entsteht Filmbildung von ganz allein ;D
    Manche fordern Ernährungslehre als Schulfach, manche Unterweisung im Umgang mit neuen Medien usw.
    Viele Kinder können mittlerweile alles so ein bissele, aber nichts wirklich richtig.

    [Antwort]

  2. yeow sagt:

    „…. Erzeuger jährlich bis zu 1,5 Mrd. Euro für Nachhilfestunden ihrer Lendenfrüchte berappen.“ – Ich habe vor einigen Tagen in einem Radiosender gehört, das nach der Einführung des G8-Gymnasiums sich die Zahl der Nachhilfeschüler in Berlin und Brandenburg um sage und schreibe 30% erhöht hat.
    Wenn auch wohl die meisten aus den derzeitigen 10ten Klassen kommen, da dort auf Grund des nicht durchdachten Lehrplans als erster Jahrgang für das neue Abitur das Chaos vorprogrammiert ist.
    Einerseits sollen die Kids die sogenannte MSA (Zulassungsprüfung zum Abitur am Ende der Klasse 10) nach dem alten Lehrplan absolvieren und anderer Seits am Ende der Klasse 12 zusammen mit den jetzigen 11ten das Abitur nach dem alten Lehrplan machen. Der neue Lehrplan tritt erst in den nächsten Jahren vollständig in Kraft.

    Und nicht jeder hat ein in hohem Masse selbstmotviertes Kind mit einem nicht gerade kleinen IQ wie wir zu Hause.
    Und selbst sie arbeitet nach der Schule (teilw. bis 17:00 Uhr) noch z.T. bis 22:00 oder 23:00 Uhr.

    Und was das Schwimmen angeht, so muss in Brandenburg jedes Kind der 3. Klasse 1x pro Woche zum Schulschwimmen.
    Auf meine Frage hin meinte die verantwortliche im Elternabend am Anfang des Jahres, das vorgegeben Ziel sei, das alle Kinder am Ende des Schuljahres schwimmen könnten.
    Auf meine Frage hin meinte jüngster Sohn (9) (aktiver Schwimmer im 1. Potsdamer Schwimmclub / aktiver Schwimmer beim DLRG) : „Du Papa, wie soll das gehen, wenn die „Schwimmstunde“ gerade 30 Minuten dauert ? Diejenigen, die vorher nicht schwimmen könnten können sich aber am Ende wenigstens solange über Wasser halten, bis ich sie heraus holen kann.“

    Um für unsere Kinder genau diese Situation zu verhindern, sind wir mit allen drei frühzeitig beim Babyschwimmen gewesen. Mit jeweils 3 – 4 Wochen. Unsere Konnte sich alle drei schon als Kleinkinder solange über Wasser halten, damit sie gerettet werden könnten. Nun retten sie lieber selber.

    [Antwort]

    moggadodde antwortet am Februar 7th, 2010 um 15:55:

    Das Schwimmenlernen ist so wichtig! Toll, dass dein Kleiner sich auf der Retterseite engagiert.
    Es ist nicht einfach und ich bin heilfroh, wenigstens schon eine aus der Schule gekriegt zu haben.
    Jetzt noch den Kleinen durchpauken und dann habe ich mit dem ganzen Mist nichts mehr zu tun!

    [Antwort]

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