Ballgeflüster

Zwar könnte ich beileibe nicht die komplette Aufstellung der Endspielmannschaft von 1974 herunterbeten, so wie manch wirklich fußballfanatischer Mensch und auch was Spielernamen sowie deren derzeitige dienstgebende Vereine angeht, klaffen erhebliche Lücken. Die Biester wechseln ja ohnehin dauernd die Arbeitsstelle und davon abgesehen, dass es mich nicht interessiert: Ohne Excel-Kenntnisse verliert man im Transfermarkt schnell den Überblick. Ich bin auch kein richtiger Fan im klassischen Sinn, ich bin eher, sagen wir, eine halbwegs aufgeklärte Sympathisantin, die auch passives Abseits erklären kann und sich selbst deshalb an der Schwelle zur Fortgeschrittenenliga befindlich zählt.

Darauf hatte ich mich ja gefreut: Im Luisengarten gaben die Herren Redakteure Kirschneck und Köster

gestern hervorragend pointierte und formidabel formulierte Bonmots aus ihrem 11 Freunde-Magazin zum Besten. Keine klassische Lesung, eher eine multimediale Leseshow boten die beiden Redakteure der geschmackvollsten Fußballzeitschrift in unserem Land. Wer Statistiken will, liest Kicker. Wer Klatsch will, liest die Sport-Bild (obwohl die wirklich sehr oft das Neueste so schnell verbreiten können, wie der Greenkeeper „Runter vom Rasen“ bellen kann). Wer aber über die übliche Berichterstattung hinausschauen möchte, Hintergründe und außergewöhnliche Geschichten erfahren, Interviews, die jenseits vom üblichen Pillepalle-Geschwafel beheimatet sind lesen und sich von wirklich ulkigen Einfällen (siehe das imaginäre Fahrtenbuch von Markus Babbel) unterhalten lassen möchte, ist hier richtig. Mit 11 Freunde würde sogar die dritte guatemaltekische Liga interessant und das liegt für mich durchaus nicht daran, dass ich den Tanz ums runde Leder über alle Maßen packend fände. Ja, ein bisschen, zugegeben, aber ansprechend formulierte Satzgefüge, schnoddriger Ausdruck im Wechsel mit gewählter Diktion – man liest gleich, hier sind keine Groblinguisten am Werk, die mit Stammelsätzen und Vorschul-Formulierungen jede noch so interessante Reportage zu verpfuschen in der Lage sind. Und bei jemandem, der auch so etwas kann, macht mir ein „Mann, muss ich pissen!“-Satz im hanebüchenen Tatsachenbericht „Gelb ist die Hoffnung“ über wegen Hansapils-Druckbetankung blasenschwach gewordene, zum Auswärtsspiel fahrende Fans nichts aus.

Aufgelockert mit Beamer-Vorführungen der besten Schwalben aus aller Welt, peinlichen Trainer-Fauxpas vor laufender Kamera und vielen anderen Fernsehschmankerln aus dem Tollhaus Fußballbetrieb war das ein wirklich gelungener zweieinhalb-Stunden-Auftritt der Herren Kirschneck und Köster.
Auf den Anblick eines nervös am Spielfeldrand bebenden Jogi Löw, der fast beiläufig eine seiner Handflächen kurz in seiner offenbar verschwitzten Achselhöhle bettet, um danach genauso unauffällig und sicher unbewusst aber nicht unbemerkt an derselben Hand sein Odeur terrible zu beschnuppern, hätte ich allerdings doch lieber verzichtet.
Trotz meiner durch üble Lücken imponierende Fußballkenntnis war der Abend höchst gelungen. Abonnieren werde ich das Heft aber trotzdem nicht. Dafür sind die Prämien dann doch etwas zu „strümpfig“, wie der Franke sagt.

Euch eine runde Nacht wünscht
moggadodde

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Dieser Eintrag wurde in Daily Soap veröffentlicht.

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