Zurücktreten, bitte!

Als ich die Grundschule besuchte, sorgte der in der benachbarten Kirche beheimatete Pfarrer Franz für die Unterweisung unserer suchenden Seelen in die Grundlagen des Wertesystems der katholischen Kirche. Aus heutiger Sicht betrachtet waren wir eine wirklich harmlose Klasse. Ein bisschen Quatschen hier, ein ausgestelltes Bein, das ein ahnungsloses Mädchen bäuchlings auf den Schulhof klatschen ließ da und nirgends eine Spur von Happy Slapping oder sonstiger, bösartiger Gewalt. Natürlich gab es etwas, das sich auf neudeutsch „Mobbing“ nennen würde, aber unser soziales Gewissen war schon damals so weit entwickelt, dass wir wussten, wann wir den Bogen überspannten.

Pfarrer Franz war auf den ersten Blick ein netter alter Mann, mit dröhnender Bassstimme und schütterem Haar. „Das ist doch klar wie Kloßbrüh‘!“, war sein ständig benutzter Standardspruch für uns offenbar begriffstutziges Klientel. Uns Mädchen behandelte er mit Nachsicht, aber die Jungs mussten schon häufig damit rechnen, mit der knochigen Faust feste aufs Haupt geklopft zu kriegen oder per Ohrendreher jammernd in luftige Höhen expediert zu werden. Keines der Eltern wäre auf die Idee gekommen, sich beim Rektor über ihn zu beschweren, im Gegenteil: „Wenn der Pfarrer dir eine Kopfnuss gibt, wirst du’s schon verdient haben, du Bengel“, so oder ähnlich fiel die Bewertung der Behandlung durch unseren Religionslehrer aus. Die Methode, alltägliche Verfehlungen mit händischer Unterstützung zu ahnden, war in der damaligen Zeit möglicherweise nicht gern gesehen, wurde aber geduldet. Und im Vergleich zu den Kindern, die heute als Erwachsene den Mut haben, über die ihnen widerfahrenen Misshandlungen zu berichten, hatten wir mit unserem Pfarrer Franz ja noch ein fast human zu nennendes Exemplar erwischt.

Um die Causa Mixa kommt man allerdings augenblicklich ja gar nicht herum. Hatte er noch vor zwei Wochen die Anschuldigungen der ehemaligen Schüler als in die Welt der Fabel gehörig verwiesen, gibt er nun heute endlich zu, geschlagen zu haben. Beugte er sich doch dem Druck der an Eides statt erbrachten Versicherungen und übt sich in Schadensbegrenzung durch die Flucht nach vorn? Oder hat da der liebe Gott etwa himself ein Wunder gewirkt und die retrograde Amnesie des Herrn Mixa in Weihrauch aufgelöst?
Nun plötzlich gibt er an, dass er „nicht ausschließen“ könne, an seine Zöglinge die „eine oder andere Watschen“ verteilt zu haben, was schlimm genug ist, aber nach dem damaligen Stand der Pädagogik eben leider nicht weiter verwerflich.

Weil ich so richtig an ein Wunder nicht glauben will, sieht es nach meiner bescheidenen Meinung also gerade so aus, als dass Herr Mixa das Achte Gebot links liegen ließ, als er eine Gewaltanwendung seinen Zöglingen gegenüber so vehement bestritt – gerade er, der eiserne Verfechter katholischer Prinzipien, lügt den Schäfchen und allen anderen kaltschnäuzig mitten ins Gesicht, glaubt, sich mit Salamitaktik ungeschoren aus der Affäre ziehen zu können und wünscht sich insgeheim sicher die Zeiten zurück, in denen der blasphemische Pöbel den langen Arm der heiligen Inquisition zu spüren bekommen hat. Nun, die Zeiten sind andere geworden, Gott sei’s gedankt (um den guten Mann auch mal in einen positiven Kontext zu bringen), und ich finde wirklich, dass Herr Mixa es nicht verdient hat, weiter im Amt zu bleiben.

„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht“, heißt ein noch heute gültiges Sprichwort, das ich aber sogar hintangestellt hätte, hätte er von Anfang an mit offenen Karten gespielt, sich dem Gespräch mit den Betroffenen gestellt und auch nur ein klitzekleines Maß an Unrechtsbewusstsein oder wenigstens Reflexion der Sache an den Tag gelegt. Schließlich ist geübten Christenmenschen das Wörtchen „Vergebung“ ja nicht ganz fremd und ein Wort des Bedauerns hätte Wunder gewirkt und die Menschen besänftigt. Mit dem hochmütigen Negieren jeglicher Schuld hat sich Herr Mixa nach meiner Meinung selbst als Führungspersönlichkeit disqualifiziert, seinen Arbeitgeber, die katholische Kirche noch weiter ins Abseits geführt und fügt ihm mit jedem Tag, den er länger an seinem Sessel klebt, weiteren Schaden zu. Für mich ist das jedenfalls genauso klar wie die Kloßbrüh‘ meines alten Pfarrers Franz.

Heilfroh bin ich wirklich, dass ich in meiner Jugend nicht mit Schlägen oder Schlimmerem traktiert wurde und ich habe Mitleid mit den Menschen, die sich nun durch das Verhalten von Herrn Mixa erneut verhöhnt fühlen müssen.

Euch eine friedliche Nacht wünscht
moggadodde

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Dieser Eintrag wurde in Daily Soap veröffentlicht.

3 commenti su “Zurücktreten, bitte!

  1. Georg sagt:

    Genau das ist der Punkt, liebe Mogga, das sehe ich ganz genauso wie du. Wir wissen, wie früher Pädagogik funktionierte, darum geht es aber bei Mixa gar nicht – er lügt im Namen Jesus Christi, er degradiert dadurch die mutigen Opfer (mutig, da sie heutzutage auf die Macht der Kirche pfeifen) zu Tätern, da er ihr (eidesstattlich versichertes) Wort der Unwahrheit anprangert. Pfui Teufel, was für ein Scheinheiliger!

    Die Gesellschaft ist im Wandel begriffen. Kultur, Wirtschaft – bei Ratzinger & Co. ist dies noch nicht angekommen, sie glauben an ihren rechtsfreien Raum aber wundern sich die Tage, wie der einstigen Machtzentrale Kirche mit einem Male mitgespielt wird. Bleibt die Hoffnung, dass die Wandlung der Kirche in ein paar Jahren, die es sicher noch benötigen wird, positives vollbringen wird, da der Glaube für die Allgemeinheit nach wie vor einen der wichtigsten gesellschaftlichen Zusammengehörigkeitsfaktoren darstellt.

    Naja, lange Rede …

    Übrigens, ich dachte sofort an dich als ich diese Lampe für 6,30 Euro gekauft hatte: Genau das, was du damals gesucht hattest – sie kann aber braucht man gar nicht zu klemmen, sie steht auch einfach so stabil neben dem Laptop: http://www.amazon.de/Leselampe-LED-mit-Clip-schwarz/dp/B001394FSK/ref=cm_cr-mr-title

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  2. Georg sagt:

    PS: Der Unterschied der moralischen Glaubwürdigkeit und der Kompetenz in Sachen der Moral wird deutlich beim Vergleich Mixa – Käßmann.

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    moggadodde antwortet am April 17th, 2010 um 07:35:

    Richtig. Das hat die Kollegin von der Konkurrenz deutlich schlauer, sympathischer und menschlicher gemacht. Dazu, einen Fehler zuzugeben, gehört ganz viel Mut, den nicht jeder hat und schon gar nicht die verknöcherte, machtgeile und ausschließlich männliche Vorstandsetage der Katholischen.

    Ach, die Lampe, ist nett, dass du an mich denkst! Inzwischen vermisse ich aber kein extra Licht mehr … es geht ganz gut ohne. Danke aber trotzdem!

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