Renoviertagebuch Teil 3 – Gegen die Wand

Am Wochenende stand wieder Arbeit auf dem Programm. Hanks Deckenmalereien und blutige Rückstände erlegter Stechtiere waren dank Teleskopstiel und des Mannes Muskelkraft schnell durch reines Weiß getilgt. Die vor Jahren verwendeten Vliestapeten ließen sich in ganzen Bahnen komplett von der Wand ziehen. Wer hat noch nicht mit einem Spachtel in stundenlanger Kleinarbeit hauchdünne, vom Einweichen nasse und klebrige Papierfetzchen von Wänden gefrickelt? Mit Vliestapeten passiert so etwas nicht. Nackt waren die Wände also schnell.

Weniger schnell ging das Wiederankleiden. Üblicherweise verstehen der MamS und ich uns ja gar nicht so schlecht. Aber beim Tapezieren prallen unsere gegensätzlichen Arbeitsauffassungen stets ungebremst aufeinander und sorgen für dicke Luft leichte Irritationen.

Man sollte wissen, dass ich handwerklich eher nach meinem Vater komme. Solange es nicht vollkommen grässlich ist, können wir in unserer Familie auch mal vier ungerade sein lassen und sind trotzdem zufrieden damit getreu dem urfränkischen Motto: „Passt, wackelt und hat Luft“.

Der MamS ist bei derlei Tätigkeiten hingegen eher der Perfektionist. Er doktert an jeder einzelnen Tapetenbahn auch mal eine Viertelstunde herum, leimt hier nochmal, schiebt dort noch einen Mikrometer, nur um dann noch ein drittes mal zu zu kontrollieren. Das Ergebnis sieht am Ende aus wie vom Meister höchstpersönlich stammend. Aber sowas dauert eben.

Ich hingegen bin eher von der schnellen Truppe. Nicht, dass sich mein Endprodukt soooo großartig von seinem unterscheiden würde, gut, einen Hauch weniger perfekt vielleicht, aber während er noch imaginäre Bläschen aus der ersten Bahn rollt, schneide ich schon die Stücke fürs Fenster fünf Meter weiter zu. Erschwerend hinzu kam der kleine Hank, der natürlich auch mitmischen wollte. Drei sture und besserwisserische Tapezierkünstler (ja, ich zähle mich da durchaus dazu, soviel Ehrlichkeit muss sein) in einem einzigen Raum sind allerdings mindestens einer zuviel. So beschränkte sich der MamS dann darauf, als Joker für die seiner besonderen Perfektion bedürfenden Arbeiten wie Ausschneiden von Steckdosen und Lichtschaltern zu fungieren, während Hank und ich wie aus einem Guss aufs Tempo drückten und nach ungefähr 6 Stunden alle Wände wieder beklebt waren.

Das Grau ist sehr elegant und das Grün zu wenig kräftig, finde ich, aber dem kleinen Hank gefällt’s. Natürlich fand der MamS beim Stubendurchgang bei Inspektion unseres Werkes mit seinem unbestechlichen Röntgenblick aber dann doch noch ein Haar in der Suppe. Ja, zugegeben, in einer Ecke habe ich vielleicht eine klitzekleine Kleinigkeit geschludert, da gebe ich ihm sogar recht. Aber wenn man da nochmal mit dem Cuttermesser rangeht, sind die betreffenden Bahnen auch wasserwaagentechnisch auf einer Höhe. Das wird noch und sollte es nicht wahrlich triftigerer Gründe bedürfen, um einen Haussegen in Schieflage zu bringen?

Überhaupt sollten Paare, die einen gemeinsamen Hausstand ins Auge fassen, 5 bis 7 verpflichtende Übungstapezierstunden in einer Heimwerkermarkt-Filiale absolvieren müssen. Nicht beim gemeinsamen Amaretto-Eisbecher beim Italiener um die Ecke, sondern erst unter dieser knallharten real-life Arbeitssituation zeigt sich nämlich, ob auch gegensätzliche Standpunkte zwischen „Also, mir taugt das so“ und „Nee, das muss nochmal runter“ ohne zu viel enervierende Diskussion auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden können. Dann wüsste man nämlich gleich, ob man sich solchen, immer wiederkehrenden Pärchenprüfungen stellen kann oder sich zukünftig nicht besser gleich einen Profi ins Haus holt.

Einen versöhnlichen Tag wünscht
moggadodde

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Dieser Eintrag wurde in Daily Soap veröffentlicht.

10 commenti su “Renoviertagebuch Teil 3 – Gegen die Wand

  1. prey sagt:

    Hallo Mogga,

    da stimme ich vollstens zu. Auch das Problem, eine Entscheidung dem anderen zu überlassen, darf nicht unterschätzt werden und ist beim Tapezieren oder auch beim Möbelaufbau viel eher zu untersuchen als beim Eisbecherkauf. Vor allem weil die Halbwertzeit von so nem Eisbecher deutlich unter der von neuer Tapete und Möbeln liegt. :o)

    Auch gut geeignet ist übrigens gemeinsames Kochen…

    Einen schönen Start in die Woche wünscht
    prey

    [Antwort]

    moggadodde antwortet am September 26th, 2011 um 20:36:

    Hohoho, gemeinsames Kochen kann auch heikel sein, das ist absolut richtig (weil ich den Einsatz gefriergetrockneter Petersilie z.B. im Gegensatz zum MamS im Notfall für legitim halte, mauschele ich die schon mal unter, ohne dass er’s merkt).
    Liebe Grüße!

    [Antwort]

  2. Chris Bodden sagt:

    Das Ergebnis zählt und nur das 🙂 ich finds sieht gut aus 🙂 und renovierungsarbeiten ohne streß gibts halt net

    [Antwort]

    moggadodde antwortet am September 29th, 2011 um 21:18:

    Stimmt auch wieder. Mittwoch ist großes Finale.

    [Antwort]

  3. Anka sagt:

    Ich befürchte, nach solchen gründlichen Überprüfungen würde kaum je eine Ehe zu Stande kommen…

    Übrigens kommen da Kindheitserinnerungen hoch:
    Mein Vater musste beim Renovieren meines Teeniezimmers voller Verdruss feststellen, dass die von ihm ohnehin schon mit allergrößter Pedanterie (und entsprechender Geschwindigkeit) zugeschnittenen Tapetenbahnen nach dem Einkleistern immer um wenige Mikrometer zu groß waren. Da er wusste, dass solcherlei Ungenauigkeit unmöglich an seiner Person liegen konnte, hat er alles wieder runtergerissen und sich mit Tapeten, Lineal und Kleister bewaffnet erst mal in sein Arbeitszimmer verzogen.
    Nach einer gewissen Feldforschungsphase am Objekt konnte er schließlich die Formel zur Berechnung des Dehnungsfaktors von Tapeten erstellen.
    Danach hat es zugegebenermaßen tatsächlich zu seiner vollsten Zufriedenheit funktioniert.
    Ich habe dafür natürlich gerne noch einen Tag oder zwei länger auf dem Klappbett im elterlichen Schlafzimmer genächtigt…

    Sie sehen also, es geht noch schlimmer!

    Das Grün ist übrigens wirklich sehr grün :-).

    Gruß

    Anka

    [Antwort]

  4. moggadodde sagt:

    Liebe Anka, das ist eine, mit Verlaub, herrliche Geschichte! Ich sehe den Herrn Papa förmlich vor mir, wie er wutentbrannt aus dem Zimmer stürmt! Dass Tapeten über so etwas wie Dehnungsfaktoren verfügen, war mir allerdings neu, hat, bei genauerer Überlegung, bei noch arbeitenden Wänden aber sicher Sinn. Ich kann wohl wahrlich von Glück sprechen, dass wir in dieser Familie von jeglichem, mathematischem Koryphäentum sehr weit entfernt sind.
    Allerdings kann ich berichten, dass meine oben berichteten Schnitzer mittlerweile zu aller Zufriedenheit ausgemerzt sind. Zwar hat der kleine Hank bereits eine blutbetankte Mücke an der neuen Zimmerdecke gekillt (nachstreichen!) und zwei Eckchen mussten nachgeleimt werden, aber ansonsten ist alles tippitoppi. Bis auf den Umstand, dass sich außer Matratze und Elektronikequipment nun nichts mehr im Zimmer befindet. Das stört ihn allerdings kaum. Es sieht ja ansonsten genauso chaotisch aus wie sonst. Nur halt ohne Mobiliar 😉

    [Antwort]

  5. Anka sagt:

    Viel einfacher: (damalige?) Tapeten pflegten nach dem Einkleistern noch etwas auszuleiern.
    Eigentlich verstehe ich aber da auch nichts davon, das mathematische Koryphäentum war nämlich genetisch leider rezessiv.
    Ich bin eher die Enkelin meines Pfuscheropas (allerdings mit deutlich höherem ästhetischen Anspruch – da gäbe es auch nette Geschichten!)

    Eine Frage:
    Braucht ein männliches Kind eigentlich außer Matratze, Elektronikequipment und ausreichend Bodenfläche überhaupt noch irgend etwas?
    Ein Tipp:
    Lassen sie den Fleck, es wird nicht der Letzte sein! Denken sie einfach an die Tarnoptik! Ist doch schön, wenn sich etwas entwickelt.

    Liebe Grüße von Chaos zu Chaos!

    [Antwort]

    moggadodde antwortet am Oktober 3rd, 2011 um 23:55:

    Natürlich, Anka! Natürlich brauchen subadulte Männchen in dieser Phase neben Unmengen an Nahrungsmitteln nicht mehr als Schlafgelegenheit und Daddelkram. Und falls ein festgetrampelter Kleiderbelag als Bodenfläche durchgeht, stimme ich auch hier zu. Wir Hütemütter machen uns da sicher wieder nur zu viele Gedanken.
    Der MamS hält übrigens nicht viel von der von uns präferierten Tarnoptik, der Blutfleck wird morgen getilgt. „Entwickeln“, wie Sie es so schön nennen, wird es sich nämlich schon noch früher, als uns lieb ist, fürchte ich.
    Ansonsten poste ich hier besser keine weiteren Fotos, ehe nicht jener kurze, perfekte Moment gekommen und das Zimmer wieder bestückt ist. Ich fürchte nämlich, dass anderenfalls hier nicht der Postmann, sondern das Jugendamt dreimal klingelt.

    Viele Grüße von Dilettantentochter an Pfuscherenkelin!

    [Antwort]

  6. Yeow sagt:

    Hallo liebe mogga,
    nachdem ich das Foto vergrößert habe, war mein erster Gedanke, wann der Zeitpunkt gekommen ist, zu dem Du mit Hank ins nächste Krankenhaus fahren musst, um die Augenkrebsbehandlung durchführen zu lassen.

    Aber jedem sein Geschmack. Und ich muss Anke bei der Frage nach dem, was man(n) mehr als eine Schlafgelegenheit, Elektronik für Spiel, Spass und Hören sowie viel Platz (für verstreute Wäsche in unterschiedlichem Verdreckungsstatus) benötigt zustimmen. Nämlich —– NICHTS.

    Mir hätte es als (angehender) Jugendlicher allemal ausgereicht. Und die Bettstatt, das man(n) benötigt, müss mur groß genug für 2 Personen sein, die sich staackender weise dieser nähern.
    Also sollte sie auch in Türnähe plaziert werden.
    Und da ich das weiss, sind die meiner Söhne, bei denen die 2-Personen-Regel noch nicht gilt, weit weg von der Tür plaziert. 😉

    An sonsten möchte ich Euch meine Bewunderung aussprechen, das Mann und Frau und angehender Mann sich doch noch auf eine Perfektionsstufe geeinigt haben. Meinen Glückwunsch.

    Yeow

    [Antwort]

    moggadodde antwortet am Oktober 5th, 2011 um 11:17:

    Howdy, Yeow! Keine Sorge, unseren Augen geht’s noch prima! Im Augenblick werden die Möbel aufgebaut und der Plan sieht vor, dass das Bett in der der Tür gegenüber liegenden Ecke platziert wird. Wir werden sehen, ob sich das bewährt, zum Glück können wir die Möbel auf dem Fliesenboden recht leicht bewegen.
    Natürlich kann man sich auch in diesen Fällen größtmöglicher Differenz einigen. Zur Not öffnen wir eine Flasche Wein und sehen den Standpunkten des Anderen gleich mit viel mehr Verständnis entgegen.
    Wie? Zwei in einem Bett? Sowas gibt’s hier noch lange nicht …*hüstel*

    [Antwort]

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