Zero points

Mein September-Beitrag in der Schreibwerkstatt ist zwar einstimmig (d.h. mit 0 Stimmen) auf den letzten Platz gewählt worden hat nicht sehr gut abgeschnitten, trotzdem will ich ihn hier vorstellen. Das ist so wie mit den missratenen Kindern, die aber trotzdem untrennbar zu einem gehören …

DéSirée

Zögernd holte er tief Luft und nahm den massiven Griff in seine schwielige Hand. Das kühle Metall fest umklammernd machte er die Tür nur einen Spalt weit auf.
Wie immer, wenn er unter höchster Anspannung stand, sprach er mit sich selbst und so wisperte er jetzt vor sich hin: „Meine Schönste, endlich komme ich wieder zu dir.“
Er war zutiefst beunruhigt. Lange, viel zu lange war er nicht hier gewesen. Auch wenn es ihm ganz und gar nicht passte – während seiner Abwesenheit hatte sie bestimmt einige Besucher gehabt, die sie mit ihren gierigen, schmutzigen Fingern überall begrabscht hatten. Er war sich nicht ganz sicher, aber er hegte den Verdacht, dass sogar sein eigener, verkommener Sohn darunter war. Eine wie sie blieb nicht lange allein. Seine Liebste gefiel nämlich allen, jeder drehte sich mit lüsternem Blick nach ihr um, wenn sie unterwegs waren und jeder wollte sie besitzen, doch sie gehörte ihm allein, davon war er überzeugt.
Mit einem beherzten Schwung öffnete er den Türflügel nun ganz und betrat den nüchternen, weiß gekalkten Raum. Da stand sie schon in all ihrer Schönheit vor ihm. Er sah sie an und wusste, dass sie allein auf ihn gewartet hatte. Zittrig und weich waren seine Knie, als er zärtlich über ihre glatte Haut strich, ihre perfekten Rundungen liebkoste, sanft ihr Hinterteil tätschelte und er glaubte, sie wohlig stöhnen zu hören. Gleich, in wenigen Momenten, würde er in ihr sein, darauf hatte er die ganze Zeit gewartet, allein die Aussicht auf diesen Augenblick hatte ihn bis jetzt überleben lassen. „Meine Göttin“, flüsterte er heiser, „jetzt werden wir endlich wieder eins …“
Hinter sich hörte er plötzlich ein leises Knacken. Mit einem Ruck drehte er sich um und sah verlegen seiner Frau ins Gesicht. „Herrschaftszeiten, Helmut!“, stöhnte sie genervt, „Ich weiß ja, dass du deiner Göttin verfallen bist. Aber kannst du nicht nur ein einziges Mal den Citröen aus der verdammten Garage holen wie jeder andere Mensch auch?“

Euch einen erfolgreichen Tag wünscht
moggadodde

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Dieser Eintrag wurde in Utopia veröffentlicht.

10 commenti su “Zero points

  1. socki sagt:

    So schlecht find ich die Geschichte garnicht. Vor allem nach der Szene, die sich heute Morgen hier abgespielt hat. Mein Schwiegervater darf durch seinen Schlaganfall nicht mehr Auto fahren. Nun möchte er aber den Schlüssel haben, damit er sich nur mal ins Auto setzen und den Wagen anlassen kann. Er würde auch nicht fahren aber er brennt weil er schon lange nicht mehr gefahren ist…..

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  2. olli sagt:

    … ich hätte niemals auf Dich getippt 😉 Du überraschst mich …

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  3. moggadodde sagt:

    @ socki: Na, dann hat’s ja gepasst. Schlimm für deinen Schwiegervater, das glaube ich … Was sagen die Ärzte? Gibt’s da eine bestimmte Fahrverbotsfrist, die eingehalten werden muss, wenn er sich sonst wieder hergestellt fühlt?

    @ olli: Wieso? Weil ich auch die DS für eine Göttin halte? Zugegeben: Für an der Überschrift habe ich lange getüftelt, um die Sache nicht zu früh zu lüften und gleichzeitig eine gewisse Form des Begehrens (desire) auszudrücken … 🙂

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  4. *schmunzel* also mir gefällt die geschichte auch – und ich habe schon nach den ersten paar zeilen vermutet, dass es dabei um die ds geht :o) (und désir heißt auch im französischen begehren – désirée ist die begehrte ;o)) passt also hervorragend!)
    ich glaube, verständnis wird „wolfgang“ bei jedem finden, dem seine blechbabys mehr sind als nur transportmittel – unter anderem bei mir ;o))

    wünsch dir n schönen tag!

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  5. azahar sagt:

    also ich mag meinen Citroën ja auch recht gern, trotzdem muss er auf der Strasse schlafen, im Grunde ist es ja auch kein er, sondern eine sie, wenn ich es mir genau überlege … *grübel*

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  6. moggadodde sagt:

    @ hühnerschreck: Wenn du das mit der DS gleich gemerkt hast, bist du auf jeden Fall ziemlich ausgeschlafen! Danke!

    @ azahar: Es ist ja auch „die“ Ente, offenbar sind Produkte von dieser Marke weiblich … obwohl, nee … der Xsara Picasso …
    Hach, da haben’s die Italiener einfach besser: Da sind ALLE Automarken weiblich. Wie sich das schon anhört: „La Fiat“, und man sieht, dass die Italiener ein besonderes Verhältnis zum Auto pflegen 😉

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  7. nömix sagt:

    Beginne niemals, NIEMALS! eine Story mit einem Adverb. Ein Fehler, den dir kein Leser verzeihen wird. (sonst wär deine Story nämlich gar nicht mal so schlecht, mir gefällts jedenfalls gut.)

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  8. moggadodde sagt:

    @ nömix: War nicht meine Idee … „Zögernd öffnete er die Tür“ war als Anfang zwingend vorgegeben. Der jeweilige Gewinner bestimmt den Satzanfang für den nächsten Monat. Den Rest hab‘ ich dann aber alleine geschafft 🙂 …

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  9. olli sagt:

    Dank ‚la voiture‘ sind im französischen Sprachraum auch alle Autos weiblich.

    Und wie eine Geschichte beginnt verzeiht mir nur ein Schreiberling nicht. Ein Leser wird es im Zweifelsfall nicht mal merken.

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  10. moggadodde sagt:

    @ olli: Du siehst, mein ohnehin verkümmertes Italienisch ist besser als mein quasi nicht mehr vorhandenes Französisch, leider ;-).
    Wenn wir irgendwann mal in ferner Zukunft den Wurlitzer Pulitzerpreis einheimsen, fragt kein Aas mehr nach dem Satzanfang, das ist wohl wahr 🙂

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