Im Paradeis

Gut möglich, dass ich Dinge manchmal etwas blauäugig angehe, übertriebene Planung ist nichts, was man mir vorwerfen könnte. In einer fremden Stadt lasse ich mich gerne treiben, was den MamS zur Weißglut bringt. Irgendwo komme ich schließlich immer an, und dass es woanders schöner sein könnte, weiß ich nicht, weil ich ja nicht dort bin, sondern da, wo der Wind (bzw. das nächste Nahverkehrsmittel) mich hinbringt. Wäre ich Kolumbus, wäre Amerika wahrscheinlich noch heute nicht entdeckt.

So zog ich den MamS, gleich nachdem unsere Koffer im Hotel ein Schläfchen hielten, in die erstbeste Straßenbahn. „Bahnhof“ prangte auf dem Straba-Schild und nach meiner Logik ist ein Bahnhof zumindest halbwegs im Zentrum einer Stadt, zum Auftakt einer Erkundung also nicht der schlechteste Ort. Station um Station ließen wir gefühlt Richtung Essen-City hinter uns, bis uns ein freundlicher Mitfahrer auf Nachfrage eröffnete, dass diese Bahn alsbald in den Bahnhof Gelsenkirchen einfahren würde, was den MamS in Schrecken versetzte, galt unser Ticket doch ausschließlich für die Stadt Essen. Ich wusste ja, dass die Orte im Ruhrgebiet eng beieinander liegen, aber dass man mit gespreizten Beinen in gleich zwei großen Städten stehen kann, war mir in dieser Rigorosität nicht klar. Wir diskutierten: Der MamS war für unverzüglichen Ausstieg und Rückfahrt mit der nächsten Bahn, ich plädierte für S-Bahn ab Gelsenkirchen, wie vom freundlichen Mitpassagier empfohlen und die deutlich schnellere Variante. Doch der hasenfüßige gesetzestreue MamS setzte sich durch und so stiegen wir irgendwo in Gelsenkirchen aus. Die Hitze knallte auf den Asphalt, während die zwischenmenschliche Temperatur aus Gründen gen gefühltem Permafrost sank. Wie von einer Wünschelrute gezogen, was sich in Rückschau nur mit drohender Dehydration erklären lässt, führte unser Weg zu einem Eiscafe,

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wo der MamS aus reiner Gewohnheit, ohne Hoffnung und in fester Erwartung des üblichen, negativen Bescheids nach „Zuppa Inglese“ fragte. Zuppa Inglese ist neben Malaga seine Lieblings-Eissorte und in heimischen Gefilden nahezu ausgestorben. Dem MamS zuliebe hatte ich kürzlich bei sämtlichen, heimischen Gelaterias nach dieser Sorte gefahndet; die Mehrzahl wusste nicht einmal, wovon die Verrückte da draußen überhaupt redet. „Bei uns heißt das ‚Valentinos'“, entgegnete die Gelsenkirchener Speiseeisfachkraft und überreichte dem staunenden MamS eine dicke Tüte mit bestem Stoff. Die folgenden 20 Minuten bis zur Rückfahrbahn verbrachten wir bass erstaunt an der Haltestelle. Derart sensibilisiert durchforsteten wir in den nächsten Tagen Essens Innenstadt. Tatsächlich hatte die Mehrzahl der Eisdielen die lange entbehrte Sorte
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in der Auslage und der MamS schwelgte ausführlichst in Erinnerungen an eine Jugend mit Zuppa Inglese und verstoffwechselte in den folgenden Tagen zahllose Einheiten der so lange vermissten Delikatesse.

Es wird behauptet, im Ruhrgebiet gebe es ganz besonders viele „Eisdielen“. Der Name rühre daher, dass die eingewanderten Gelatieri ihre Erzeugnisse anfangs direkt aus der Wohnung über an die Fenster genagelte Dielen verkauften. Mir persönlich geht Zuppa Inglese ja am Allerwertesten vorbei, aber woher der Name „Eisdiele“ stammt, hat mich wirklich und wahrhaftig schon immer interessiert. Allein deshalb hat sich die Reise in den Pott für uns beide mehr als rentiert.

Eine heißkalte Nacht wünscht
moggadodde

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Dieser Eintrag wurde in Daily Soap veröffentlicht.

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