Major Tomate

Im Supermarkt beobachte ich eine Frau, die mit ihrem Einkaufswagen schnurstracks eine Wand mit kleinen Schließfächern ansteuert. Sicher will sie dort ihre Handtasche deponieren, doch ich sehe, wie sie einen Säugling in die Wand steckt, wie eine Puppe, sitzend, denn das Fach ist nicht sehr groß. „Na toll“, denke ich, „die Schnalle will in Ruhe einkaufen und steckt das Baby ins Schließfach!“. Ich hoffe, sie kommt bald wieder, aber vergeblich. Eine Weile ist vergangen, bis ich mich daran mache, das Schloss zu knacken. Das Baby ist höchstens 8 Wochen alt, trägt einen gelben Strampelanzug und ist nach dem Aufenthalt im Schließfach vollkommen durchgeschwitzt. Ich nehme es an mich und mache mich aus dem Staub: Die bekommt das Kind nicht wieder!

Es wird behauptet, man verarbeite Erlebtes, bereite sich auf Kommendes vor, verfestige Erlerntes – meine Träume sind aber oft so skurril, dass ich mit aller Phantasie nichts erkennen kann, was mit mir und dem Leben, das ich führe, zu tun haben kann. Auch den Schließfach-Traum ließ ich erst mal sacken, sicher auch nur einer unter vielen, die bald vergessen sind.

Zu dieser Zeit beherrschte der Fasching die Franken. Von wegen „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“! In puncto Fasching sind der MamS und ich der Apfelbaum und der kleine Hank eine Fleischtomate. Wir verdrehen die Augen ob der Narrendichte, der Bub kauft sich eine SWAT-Ausrüstung und stürzt sich in den fröhlichen Nahkampf, wobei die Flüssigkeitszufuhr in dieser Zeit überwiegend durch ethanolhaltige Affektauflockerer erfolgt. Trotzdem ich seine Truppe zum Großteil kenne – alles vernünftige junge Männer – ich kenne sie eben nur nüchtern und dieser Zustand kann vom alkoholisierten Status ja stark abweichen.
Ich war ab Freitag also in durchgehender Dauersorge: Wie käme er nach Hause? Käme er überhaupt nach Hause? Wenn ja, mit wem? Würde er in den Bus kotzen oder doch erst daheim oder gar nicht? Riskiert er eine dicke Lippe und bekommt von einem anderen Gaudiburschen das Gesicht neu dekoriert? Wie kalt ist es draußen? Besteht Erfrierungsgefahr, sollte er volltrunken an des Feldes Rain zum Liegen kommen? Erwähnte ich, dass ich ab Freitag in durchgehender Dauersorge war?

Erstaunlicherweise führt der sonst so gestreng-gestrige MamS einen lockeren Umgang mit der Problematik. „Lass ihn, er ist doch noch jung“, „Reg‘ dich nicht auf, da passiert schon nichts“, sagt er. „Gell, jetzt ist die Mamutschka wieder glücklich, dass der kleine Hank wieder da ist!“, zieht er mich auf und ich würde ihn gerne hauen und dann wieder nicht, weil er ja Recht hat. An keinem Abend kam der kleine Hank mit allzu großen Ausfallerscheinungen heim. Ein glasiger Blick aber aufrechten Ganges, verlangsamte Sprache aber untadelige Grammatik – stets verzog er sich bald ins Bett und all die hineingeschüttete Flüssigkeit verließ den Körper nur auf statthafte Weise und am richtigen Ende.

Selbstverständlich muss sich der kleine Hank am jeweils nächsten Tag einem kleinen, beiläufig gestellten und als desinteressiert getarnten Fragenkatalog unterziehen, gefolgt von einem Vortrag über Alkohol im Allgemeinen sowie Leberschäden und irreparabel zerstörte Gehirnzellen im Besonderen. Auch wenn er in weniger als vier Wochen die Volljährigkeit auf dem Papier erreicht – solange er die Füße hier unter die hiesigen Tische parkt (ja, ich entblöde mich nicht, diesen Satz zu verwenden), muss er durch diese Mühle, auch wenn er rein rechtlich ab diesem Zeitpunkt tun und lassen kann, was immer er will.

An Aschermittwoch konnte ich plötzlich einen Zusammenhang der Geschehnisse mit eingangs erwähntem Traum herstellen, indem ich die Perspektive änderte: War ich etwa die Frau, die das arme Baby ins Schließfach packte? Tat ich es, um es vor Schaden zu bewahren? Das war doch so falsch! Und plötzlich war ich die Schnalle, die nicht klarkommt damit, dass die Frucht ihres Schoßes allmählich abdriftet, heraus aus der schützenden Umlaufbahn der Erdmutter, hinaus ins gefährliche Universum, das „eigenes Leben“ heißt. Und dort intelligentes Leben zu finden, da steht die Chance ja bei Eins zu mehreren Promilleonen.

Wehmütig
moggadodde

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Dieser Eintrag wurde in Daily Soap veröffentlicht.

8 commenti su “Major Tomate

  1. Hazamel sagt:

    So lange ich noch zu Hause gewohnt habe, war meine Mutter auch immer erst beruhigt, wenn das Auto auf die Einfahrt fuhr und morgens die Schuhe im Flur standen. 😉

    [Antwort]

    moggadodde antwortet am Februar 12th, 2016 um 14:58:

    Ohje. Wenn er erstmal selbst fährt, wird das alles noch ein bisschen schärfer.

    [Antwort]

    Hazamel antwortet am Februar 12th, 2016 um 17:26:

    😉 nichts ist befreiender als der erste Totalschaden 😁

    Selbst heute noch schickt meine Mutter ne kurze sms wenn sie irgendwo weiter weg gefahren sind dass sie gut angekommen sind oder ich wenn ich zum Beispiel Abends wieder von Lohr nach Würzburg fahr. Also wahrscheinlich alles ganz normal

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    moggadodde antwortet am Februar 12th, 2016 um 18:44:

    Selbstverständlich! Alles normal! Aber trotzdem ist so eine Zweitabnabelung erst einmal schmerzhaft für die Leitwölfin. Was bleibt, wenn der Wurf halb aus dem Haus ist? Der MamS, ja, schon. Hm. Aber sonst? Vielleicht eine Spätberufung zur Traumdeuterin 😀

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  2. Christian Kelle sagt:

    Meine Mum ist 81. Ich bin 52. Sie ist bis heute beunruhigt, wenn ich bei „schlechtem Wetter“ mit dem Auto unterwegs bin… *Kopfschüttel*

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    moggadodde antwortet am Februar 14th, 2016 um 13:59:

    … und es ist immer schlechtes Wetter,egal, wie das Wetter ist 😀

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  3. yeow sagt:

    Bei uns war der Große im letzten Frühjahr „auf Werder“. Dem Werderaner Baumblütenfest. Und als einzigster über der Altersgrenze von 16 Jahren war er „gezwungen“ die alkoholisierten Säfte zu beschaffen. Dafür nahm er dann gewisse „Steuern“.
    Er war trotzdem beim Abholen ansprechbar und ist freiwillig schnell an Muttern vorbei ins Bett verschwunden.

    Wenn man sie entsprechend vorbereitet und sie einigermaßen vernünftig sind, passiert nichts wirklich dummes.

    Ich habe mehr Dummheiten in der Hinsicht angestellt.

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    moggadodde antwortet am Februar 15th, 2016 um 19:36:

    Ha! Ein Geschäftsmodell! Gar nicht dumm, der Junge!
    Ich war auch kein Kind von Traurigkeit (und der MamS auch nicht, wie ich nun kürzlich erfuhr). Aber die Zeiten haben sich ja geändert 🙂

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