Shut the fuck off

Einem Virus kann man sein Tun nicht übel nehmen. Es hat kein Gehirn, aber es tut, wofür es bestimmt ist: Es sucht sich einen Wirt. Unbestritten haben ein Virus und ich viel gemeinsam, nur dass es das Virus um einiges leichter hat: Während meine Wirte inzwischen wieder früh schließen müssen, sind die Wirte des Virus rund um die Uhr geöffnet und ermöglichen ihm das Feiern fröhlicher Urständ.
Das nehme ich ihm nicht übel. Es weiß es halt nicht besser.

Übel nehme ich ihm aber neben dem ganzen Chaos und Leid, dass es mich der Spontanität im Leben beraubt hat. Den kurzfristigen Kinobesuch. Unbefangene Umarmungen. Das plötzliche Essen mit Freunden. Das Konzert mit wummernden Bässen, schwitziger Luft und Bier aus Bechern. Kurzweilige Theaterunterhaltung. Das ungeduldige Hangeln von Auszeit zu Auszeit, das seit vielen Jahren so wichtig ist für meinen seelischen Ausgleich. Ein Anker im Alltagsbrei, Augen- und Gehirnfutter, ein Pitstop, der auftanken und mit neuen Reifen starten lässt in die nächste Etappe dieses Lebens, das vollen Einsatz verlangt.

Jeder vermisst etwas anders in diesen Zeiten. Im Bewusstsein, dass es viele sehr viel härter und existenziell trifft, dreht sich meine profane Primärvermissung um das Verreisen. Was hatten wir für Pläne, der MamS und ich!

Nun sitze ich hier mit einem Haufen Filzmaler und einem Notizbuch und reise im Kopf. Kaffee in Costa Rica. Lasagne in Limone. Rookworst in Rotterdam. Selbst ein Latte in Lübeck scheint mir gerade so weit weg wie der Planet Erde zur Normalität.
Der Winter wird lang und hart und geht mir schon jetzt auf die Eierstöcke und vielleicht habe ich ja im Frühling zumindest die Skills für ein halbwegs ordentliches Handlettering auf dem Kasten. Mein Wirt ist der Getränkemarkt, mein Theater ist Netflix und wenn im Fernsehen ein präcoronarer Reisebericht gezeigt wird, in dem Menschen ohne Maske nah beieinander stehen, unter Verwendung explosiver Konsonanten kommunizieren und mit herzlichem Gelächter Ouzo trinken, zucke ich kurz zusammen, sehne ich mich in die Ferne und schalte weg.

Fuck you, Corona. Fuck you very, very hard.

moggadodde

P.S. Das war mein letztes, coronaverseuchtes Posting. Zieht einen ja nur runter, der Scheiß. Die nächsten werden besser. Versprochen.

Dieser Eintrag wurde in Daily Soap veröffentlicht.

6 commenti su “Shut the fuck off

  1. Ralf sagt:

    Na, wenn das fucking Virus dich dazu bringt, wieder zu schreiben – sogar mit Hand – ist das doch wenigstens das fucking einzige Gute an der fucking Geschichte.

    • Moggadodde sagt:

      Es IST das einzig Gute an diesem fucking Virus. Und ja, es kitzelt mich wieder ein bisschen und weil die Zeit lang werden wird bis Entspannung in Sicht ist könnte es in naher Zukunft zu einer Blogxplosion kommen, sheesh!

  2. Alex sagt:

    Seht ihr, ich will das auch gerne, aber ich habe einfach keine Zeit! Voll bitter!

    • Moggadodde sagt:

      Verstehe ich sehr gut, Du hast ja augenblicklich auch ganz hübsch was um die Ohren. Aber der Winter wird lang und dunkel. Vielleicht findest Du dann doch wieder etwas Zeit. Lass Dich von deiner Muse küssen! Apropos: Letztens interessierte ich mich, weil doch ab und an auch Männer das Musenamt übernehmen, ob es nicht auch eine männliche Form des Wortes gibt. Gibt es nicht! Obwohl ich Musus oder Muso sehr schön gefunden hätte 😀

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