Letzte Liegenschaft

Dann besichtigten wir heute also eine Wohnung. Etwas außerhalb gelegen, auf einer Anhöhe vor neugierigen Blicken geschützt, verspricht das neue Domizil Ruhe und Abgeschiedenheit. Einkaufsmöglichkeiten, Busanbindung, kulturelle Angebote oder gar Internet sucht man hier vergeblich, ja das neue Wohngebiet ist noch nicht einmal an eine Kanalisation angeschlossen. Das alles ist auch gar nicht nötig, und doch wird es uns bei Einzug an nichts fehlen – wir sind dann nämlich tot.

Hin und wieder denkt der Sterbliche ja an die letzte Logis. Der hier neu eröffnete Ruhewald bietet die Möglichkeit, frisch kremiert und verpackt in biologisch abbaubaren Erdmöbelchen am Fuße von Bäumen ins humöse Endlager hinab zu fahren, um irgendwann eins zu werden mit Mutter Natur und dem Erdenkreislauf an sich und das passiert dank der Biourne ja recht schnell. Irgendwo muss man ja hin mit sich oder den Lieben, warum also nicht in den Wald, wo Kosten und Ruhezeiten ähnlich geregelt sind wie auf dem herkömmlichen Friedhof, Grabpflege oder sonstige Aufhübscharbeiten aber nicht anfallen. Also erkundeten der MamS und ich heute einmal das Gelände und – naja. Bäume sehen halt dann besonders im Winter ziemlich gleich aus und grundsätzlich ist es mir einerlei, vergrübe man mich an einem Sammelbaum oder solo am Eigenbaum. Wir wohnten ja bisher zur Miete, da machen ein paar tote Nachbarn das Kraut auch nicht fett; diese geben dann wenigstens garantiert Ruhe.
Ich bevorzugte wenigstens ein sonniges Örtchen, während der MamS, wie im Leben, einen Schattenplatz präferierte und wir überlegten, es nach dem Tod zu halten wie mit unseren Schlafzimmern im Leben: Getrennt von Bett und Baum. Andererseits sind die wenigsten Toten dafür bekannt, ihren Kollegen mit Schnarchgeräuschen, Pinkelbettfluchten oder rastlosem Herumgewälze die letzte Ruhe zu rauben, versuchen wir es also doch mit einem Partnerbaum?

Wir werden darüber nachdenken. Vielleicht geht uns ja dann noch ein Licht auf.

erleuchtung

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Trau, schau, brems!

Seit ein paar Monaten hat der MamS ein neues Auto. Ach, was heißt „Auto“. Ein Auto ist schon lange nicht mehr nur Auto, sondern in Blech gehüllter Feuchttraum zahlloser Ingenieure, ITler, Elektroniker und Designer. Den ganz besonders pfiffigen unter ihnen verdankt der MamS einige besondere Annehmlichkeiten, lediglich Dauerwellenlegen und professionelle Zahnreinigung gehören noch nicht dazu.

Mit den meisten der vielen, bordeigenen Gimmicks hat sich der MamS als verantwortungsvoller Fahrzeugführer bereits vertraut gemacht, lediglich das Pre Collision System, kurz PCS, wurde bisher nicht ausprobiert, die Vorrichtung, die die beiden Münsteraner Tatortkommissare im Werbespot so nett zeigen und die einen Auffahrunfall oder den Aufprall auf ein Hindernis vermeiden soll.
Wir alle wissen, dass die Kluft zwischen Werbung und Wahrheit manchmal so tief ist wie Fallhöhe im Abgasskandal, weshalb wir heute eine Versuchsanordnung auf dem Supermarktparkplatz starteten.

Fleischliche Freiwillige fanden sich freilich nicht, auch schien uns die Verwendung einer tonnenschweren Baumaschine, wie im Werbeclip, einen Tick zu riskant – Kartons mussten deshalb als Hindernis dienen. Bei mehreren Durchgängen bremste der MamS selbst und zu früh, bis er sich nach viel gutem Zureden endlich überwand:

Das Ergebnis hat mit dem Werbeclip nicht viel zu tun. Es bremste letztlich nicht das Auto selbst, sondern der MamS stieg fest in die Eisen, um nicht über die doch recht stabilen Kartonagen zu brettern.
Das Bordbuch gibt zur Frage, wie Hindernisse beschaffen sein müssen, um als solche erkannt zu werden, nicht viel her. Woran liegt’s? Hat der Roboter geschlampt? Hindernis mit etwa einem Meter zu schmal? Falsche Farbe? Weil ich nicht so gut Gitarre spiele wie Liefers? Mal sehen, was das Autohaus zu der Problematik sagt.

Eine unfallfreie Nacht wünscht
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Quid pro quo

Sonntag, 5.35 Uhr. Der MamS betritt mein Schlafgemach und verkündet, dass der kleine Hank noch nicht daheim ist. Das ist für mich aber keine Neuigkeit: Ich teile den Fluch so vieler gepeinigter Mütter und schlafe schlecht, bis ich höre, dass die aushäusige Frucht meines Schoßes nach stattgehabter Party den Schlüssel ins Loch zu stochern sucht. Die Welt ist schließlich schlecht da draußen, und bei Nacht noch mehr.

Ich starte Whatsapp und sehe ihn online. Während ich ihn antippe, klingelt das Telefon. Ob jemand ihn noch abholen könne, fragt er. Die geplante Mitfahrgelegenheit sei nicht aufgekreuzt, aber jemand könne ihn fast bis Mädelhofen bringen. Die an der Bundesstraße liegende Bushaltestelle dort wird zum Treffpunkt erkoren, in einer halben Stunde. Er redet halbwegs unverwaschen, trotzdem erkennt mein geschultes Ohr, dass vorher eine nicht unerhebliche Befüllung mit umdrehungsreichen Getränken stattgefunden haben muss.
Natürlich passt es mir nicht. Wem passt es schon, am Sonntagfrüh ein alkoholisiertes Bürschlein aus der Pampa zu pflücken?
Ich will mich aus dem Bett schälen, als ein weiterer Anruf einläuft, der 10minütige Verspätung mitteilt. Halbwegs pünktlich fahre ich los und finde keinen Hank im Bushaus. Es ist noch immer stockdunkel und so neblig, dass ich kaum schneller als 40 fahren kann. Ich steuere den vermuteten Partyort an, in der Erwartung, ihn irgendwo am Straßenrand zu entdecken. Sein Handy ist inzwischen ausgeschaltet und allmählich bekomme ich Hals. Gleichzeitig irrlichtern Bilder im Kopf, in denen er angefahren im Straßengraben liegt, wo sich Raben bereits an seinen schmackhaften Augäpfeln laben. Besorgt fahre ich zurück.
Auf unserer Straße kommt mir ein Polizeiwagen entgegen und mit der Sicherheit des Wissens, dass es abends dunkel wird war mir klar, dass da ein Zusammenhang besteht. Tatsächlich findet sich der Bub unversehrt und mit beiden Augäpfeln bestückt in heiterem Gespräch mit dem MamS. Jetzt bin ich auf 180 und forderte Aufklärung „und zwar jetzt und es ist mir scheißegal, wie laut ich bin und wie spät es ist!

Es stellt sich heraus, dass ihn seine Mitfahrgelegenheit etwa drei Kilometer vom Treffpunkt abgeladen hat und er von da aus gelaufen ist. Trotzdem sein Telefon eben noch 32 % Akku gezeigt hatte, ging es aus und ließ sich auch nicht mehr starten (aus gewissen Meldungen weiß ich, dass das bei den sündteuren Hypephones tatsächlich passieren kann – Danke, Applestümper!). Wie er nun so netzlos auf der Bundesstraße umhertrabte, las ihn ein Streifenwagen auf, dessen Besatzung ihm einen Anruf verwehrte, aber einer Leibesvisitation und einem Alco-Test unterzog, ein wenig ausfragte und sodann freundlicherweise bis vor die Haustür chauffierte. Besten Dank von hier aus!

Wieder im Bett erinnerte ich mich an einen Tweet, den ich vor kurzem las

und es stimmt. Solange das Kind die Füße unter deinen Tisch streckt, ist das Zusammenleben ein Geben und Nehmen und auch danach ist es keine Frage des Alters, weil Kind bleibt Kind, und diesmal bestand mein Geben eben aus Sonntagsfrühdienst. Im Gegenzug werde ich ihn in hoffentlich ferner Zukunft vielleicht das eine oder andere Mal ins Altersheim bestellen, wo er mir dann das Frühstück in die dann zahnlose Futterluke schiebt. Quid pro quo.

Sonntag, 7.15 Uhr. Ich habe zu tun: Ich muss noch ein paar Reste Nabelschnur abkratzen.

Eine gelöste Nacht wünscht
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Mutterschutz

Vorgestern beim Griechen: Den MamS plagt nach dem Essen ein Fleischfetzchen, das sich in seinem Kaugebälk verfangen hat und ich erinnere mich dunkel, in den Untiefen meiner zweizimmerwohnunggroßen Handtasche ein paar Zahnstocher gebunkert zu haben. Nach ein bisschen Gekrame fördere ich ein Briefchen zutage, das sich allerdings als Kondom entpuppt. „Oh Mudda“, seufzt der kleine Hank, „wozu hast DU denn sowas?“ und ich erkläre ein bisschen beleidigt, dass ich mitnichten fürs quicke Abenteuer gerüstet sein möchte, sondern das Fundstück in der vergangenen Basketballsaison als Werbeartikel der Arbeiterwohlfahrt auf meiner Sitzschale entdeckte und in der selten genutzten Tasche vergaß.

„Na, hier, das brauchste ja vielleicht!“, frotzle ich jetzt frech und werfe dem kleinen Hank das Brieflein entgegen. Er fährt am nächsten Tag nach Prag, Berufsschulabschlussfahrt. Fest rechne ich mit entrüsteter Abweisung der mütterlichen Liebesgabe, aber er enttäuscht mich und packt es einfach in die Hosentasche, als ob es ein paar Mentos wären. Er steckt es einfach weg! Wortlos!

Still überschlage ich das Geschlechterverhältnis der Abschlussklasse sowie das Haltbarkeitsdatum des Prä-, ähm, sents und bin ob seiner offensichtlichen Selbstverständlichkeit sofort in totaler Habachtstellung gefangen, aber nunja, verflixt, zugenäht und hallelujah, ich muss meine Klappe halten, er ist ja nun wirklich alt genug! Natürlich kann ich kann ihm keinen meiner Gedanken offenbaren, ohne mich als komplett hysterisches Müttermonster zu outen, aber trotzdem schreit mein Innerstes verängstigt: Kind, denk daran, egal ob Paderborn, Prag oder Paris, Hauptsache Verhütung!

Ein ganz anderes Problem steht dem kleinen Hank bei seiner Rückkehr bevor. Ohne zu fragen hat er nämlich, trotz eigenen, vollen Kleiderschranks, des MamS liebste Jacke aus dem Schrank stibitzt und mit auf Reisen genommen. Ganz erwachsen ist er also doch noch nicht. Gegen das MamS’sche Donnerwetter, das ihn am Samstag erwartet, gibt es keinen Schutz. So eine große Handtasche habe nämlich nicht einmal ich.

Eine behütete Nachte wünscht
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„Terror“ im Theater

Lange vor Showrichterin Salesch und Kollegen, in deren Aufführungen möglichst absurde und meist hochnotpeinliche „Rechtsfälle“ von ebensolchen Mimen abgehandelt werden, deren Thematik sich meist um den nicht rechtsmäßigen Eigentumsübergang von Sexspielzeugen, zweifelhafte Vaterschaften meist mehrerer jugendlicher Aspiranten oder rechtswidrig veröffentlichte Genitalhoroskope dreht, gab es durchaus seriösere Formate in der damals noch dreisendrigen Fernsehlandschaft. Ein Dinosaurier der Telejuristerei war neben „Ehen vor Gericht“ oder dem „Verkehrsgericht“ lange Jahre „Wie würden Sie entscheiden?“: Ein tatsächlich so vor Gericht gelandeter Fall wurde im Studio dargelegt, danach konnten die anwesenden Zuschauer urteilen, das Ergebnis anschließend mit dem tatsächlich gefällten Spruch vergleichen und diskutieren.

Ähnliches spielte sich am Freitag im Stadttheater Schweinfurt ab. Im ersten Bühnenstück des Autors und ehemaligen Strafverteidigers Ferdinand von Schirach fungierten wir im Publikum als Schöffen in einem Fall, der furchtbar aktuell klingt: Der Kampfpilot und Major der Luftwaffe Lars Richter schoss eine von Terroristen gekaperte Zivilmaschine mit 164 Menschen an Bord ab, um den angedrohten Absturz in die mit 70.000 Zuschauern besetzte Allianz Arena zu verhindern. Die Verhandlung beschränkt sich auf das Wesentliche: Sachverhaltsdarstellung, Zeugeneinvernahme und die Hin- und Hergerissenheit zwischen Recht, Unrecht, Moral, Prinzipien, Schuld oder Heldentum erreicht nach den Plädoyers von Verteidiger und Staatsanwältin ihren Höhepunkt. Können Leben gegen Leben aufgewogen werden? Dürfen Unschuldige zur Rettung anderer Unschuldiger getötet werden? Ist es nur eine Frage der Zahl? Wenn ja, welcher?

Puh. Pause. Draußen angeregte Diskussionen und erstmal eine Zigarette. Das Stück beschäftigt die Menschen im Foyer. Mit dem Durchschreiten der Portale „SCHULDIG“ oder „UNSCHULDIG“ entscheiden die Zuschauer im Hammelsprungverfahren, dann spricht der Richter das Urteil. In unserer Vorstellung fiel das Ergebnis mit 189:165 Stimmen auf „Freispruch“ für Lars Koch, wie in der Mehrzahl der bisher gespielten Vorstellungen. Ich plädierte für „schuldig“, fühlte mich aber schlecht dabei und begriff, dass es keine richtige Entscheidung geben kann. Das Thema wird mich gedanklich wohl noch länger beschäftigen.

„Terror“ von Ferdinand von Schirach wird ab 20.11. auch im Würzburger Mainfrankentheater gespielt. Wer einen Abend erleben möchte, der nachhallt und zum Nachdenken zwingt, möge dieses Stück besuchen.

Einen nachdenklichen Sonntag wünscht
moggadodde

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