Seensucht

Zum Glück hatten wir die Westküste bei vielen Besuchen sightseeingtechnisch schon abgegrast und konnten die grenzwertig heißen Tage am

diesmal maximal entspannt angehen. An Schlaf, oder jede andere, nächtliche Aktivität war zwar nicht zu denken (es ist mir ja sowieso ein Rätsel, wie die Bewohner tropischer Gefilde auf ihre Geburtenrate kommen). Der MamS und ich balgten statt dessen um den besten Platz unter dem Deckenventilator und berührten uns ansonsten möglichst wenig. Ja, auch die Nächte waren heiß, am Gardasee. Selbst ansonsten erfreuliche Tätigkeiten wie Pastaschaufeln, Espressoeinläufe oder Spritzbetankung waren anstrengend. Alles war anstrengend.

Deshalb war unser liebster Aufenthaltsort denn auch das Wasser. Und als der Pool zu warm wurde,

ging es an den See, wo Lufttemperatur keine Rolle spielt. Der Geruch des glasklaren Wassers, leise Loungemusik, die der braun gebrannte Bagnino auf uns herabrieseln ließ, die mal sanfte, mal robustere Brandung, eine stete Brise sowie Kaltgetränke im Halbschatten – es ist doch so leicht, mich glücklich zu machen!

Große Exkursionen gab es nicht, nur nach Tremosine zog es uns nach Sonnenuntergang, wo der Wind noch ein bisschen kräftiger bläst und die Aussicht noch ein bisschen atemberaubender ist.

Ja, ich freute mich auf daheim. Auf die eigene Matratze. Auf Durchschlafen ohne Propellerkämpfe und Bettkreiseln. Aber während ich mit kalten Füßen diese Zeilen tippe, meine Haut knochentrocken dem ständigen Feuchtigkeitsfilm hinterherwimmert und zwischen Bräune und Rost changiert, wünsche ich mich schon wieder zurück.
Seensucht. Ganz schwerer Fall, würde ich sagen.

Ci vediamo l’anno prossimo!
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THINK!

Alberner Zustand, Urlaub und viel zu lang im Auto gesessen, zack, schlüpft ein Rätsel aus der Pipeline!

Wer mir das fehlende Kennzeichen nennt – plus die passende Redewendung – und sich überdies sämtliche Kommentare meine Zeichenkünste betreffend verkneift, erhält als Preis ein paar garantiert bleifreie Colafläschli!
Als Einsendeschluss bestimmt die Spielleitung den morgigen Freitag, 20 Uhr.

Salute!
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Stronzo

Da sitzt also dieses Paar am Nebentisch beim „Buffalo Grill“. Der Mann ist offenbar kein Sympathisant gängiger Etikette und fragt den Kellner kurz angebunden nach dem Wlan-Pass. Bei diesem Signalwort werde ich natürlich hellhörig. Hier in Italien ist die Internetsituation mit der in Deutschland vergleichbar: Ein paar Hotspotinseln und ansonsten wird man umdümpelt von einer rachitisch-schleppenden Verbindung. Eher ein Verhindernet und meistens ein Auweh-Lan. Auch wenn Roaminggebühren jetzt ad acta liegen, frau muss schließlich sehen, wo sie datentechnisch bleibt. Es ist unser erster Abend in Italien, ich bin verdammt hungrig und nach der Fahrt ein klitzekleines bisschen enerviert.

Der Typ also, vollendeter Vokuhila, sitzt seiner Begleiterin breitbeinig gegenüber, die mit Spraytanning nicht sparsam war. Aber egal, kann ja jeder aussehen, wie er mag. Nicht egal allerdings ist, dass er mit dem frisch erbeuteten Passwort Youtube öffnet und jetzt Springsteen-Clips nicht nur betrachtet, sondern damit auch die umliegenden Tische beschallt. Und noch eines. Und noch eines. Er guckt auf sein Handy, seine Begleitung betrachtet die Reize der Umgebung. Man mag es nicht glauben, aber Springsteen kann ich schon kaum hören, wenn ich nicht genervt bin, was bedeutet, dass Springsteen jetzt absolut gar nicht geht. Der MamS und ich unterhalten uns mit den Augen. Wenn man so lange zusammen ist wie wir, beherrscht man die Vier-Augen-Wortlos-Kommunikationstechnik aus dem Effeff.

Ich so: Der hat sie ja wohl nicht alle!
Er so: Guck auf die Frisur und du weißt Bescheid.
Ich so: Ich eskaliere gleich.
Er so: Lass das. Das endet böse!
Ich so: Aber Springsteen! Ich bitte dich!
Er so: Ich hab Hunger und geh jetzt sicher nicht woanders hin.
Ich so: Okay. Dann schau ich jetzt anklagend. Das wird reichen.

Während ich also blitzende Blicke an den Nebentisch sende, bittet Frau Spraytan ihren Begleiter, jetzt doch damit aufzuhören. Er stoppt die Wiedergabe, sagt leicht gekränkt: „Wenn wir uns unterhalten, ist das aber noch lauter!“ und ich blickkommuniziere in bestem vokuhilisch: „Ey, Cazzo, halt einfach den Rand e basta“.

Wir essen gleichzeitig, der Nebentisch beendet die Mahlzeit zuerst. Der Kellner räumt ab und der Typ fragt, woher denn der Geschäftsführer des Lokals käme. „Aus Brasilien“, antwortet der Cameriere stolz und ich denke noch, dass das wohl das Geheimnis der weithin bekannten Burger in diesem Grill ist. „Ach“, meint Vokuhila, „dann kann er ja nicht wissen, dass richtige Wiener Schnitzel dreimal so groß sein müssen“. „Entschuldigung!“, sagt der Kellner, „unsere Schnitzel sind hier normal in dieser Größe“. „Ja, und Pommes Frites waren das ja auch nicht, sondern Bratkartoffeln!“, mäkelt Vokuhila nun erneut. Der tapfere Cameriere beginnt, über „Patate Fritte“ zu referieren und dass das in Italien durchaus auch diese Art Kartoffeln sein können, ich umklammere inzwischen mein Weinglas, mit dem ich dem ungehobelten Kerl jetzt gern den Mund quer und längs perforieren würde. Der MamS blickkommuniziert unterdessen ein dringendes „Nein!“ und ich reiße mich zusammen. Keine Ahnung und keine Lust darauf zu erfahren, wie italienische Gefängnisse von innen aussehen.

„Naja“, flötet Frau Spraytan. „Wir haben halt einen besonderen Geschmack, die meisten geben sich hiermit ja zufrieden!“. Sie bezahlen auf den Cent genau. Genau jetzt fremdschäme ich mich wie selten, möchte gern aufstehen, dem Typen heftige Gewalt antun und den Kellner tröstend in den Arm nehmen, kann mich aber gerade noch beherrschen. Stattdessen geben wir ihm später ein besonders dickes Trinkgeld und streicheln ihn ausgiebig mit den Augen; davon hat er wahrscheinlich mehr als von meiner popeligen Umarmung.

Ich hoffe sehr, dass Herr Vokuhila noch einige richtig miese Pizzen erwischt hat oder ein paar ordentlich verdorbene Calamari, vielleicht sogar mit Salmonellenremoulade, und dass er den Rest seines Urlaubs heftig leidend bei 38 Grad im Schatten auf der Sanitärkeramik eines heruntergekommenen Campingplatzes verbracht hat, und zwar vollkommen ohne Wlan und Springsteen! Vaffanculo!

Eine verbindliche Nacht wünscht
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Warpaper

Lange genug bin ich mit ihm zusammen, als dass ich mit Fug und Recht behaupten kann, dass jeglicher Renovierungsarbeit mit dem MamS ein gewisses Konfliktpotenzial inne wohnt. Meine Tapezierkünste, behaupte ich kühn, sind aus der Kategorie „kann man lassen“, was in Franken, der Lobdiaspora Deutschlands, ja so etwas ist wie der Ritterschlag der Heimwerker.
Wo ich schon mit einem Bier in der Hand die fertig getane Arbeit bewundere, werkelt der MamS noch an der dritten Bahn, was daran liegt, dass sich sein Qualitätsanspruch von meinem so eklatant unterscheidet. Hier fehlt ein My an Tapete am Steckdosenausschnitt? Ich sage „Das passt doch so!“, er sagt „Nix da. Nochmal runter mit dem Pfusch“.
Und weil ich weiß, dass die Bearbeitung gleich zweier zu renovierender Räume eine Schlägerei ernsthafte Krise heraufbeschwören könnte, entschlossen wir uns für den Luxus eines professionellen Handwerkers. Zur Kostenminimierung wollten wir die Tapeten selbst ablösen und während die Vliestapete im Flur in einer Stunde entfernt war, schwante mir Böses für die Küche. Ich sollte nicht enttäuscht werden.

20 Jahre (und damit ungefähr 150 in Tapeziererjahren) hatte das Papierkleid dort auf dem Buckel. Ich liebte diese Tapete. Gedeckt kackbraun schimmernd, glänzend und jeden Tomaten-, Spinat oder Ölfleck barmherzig abweisend, abschrubbar und unverwüstlich. Mein Vater, mein großes Vorbild in Sachen „passt schon“, half bei Einzug in Casa Mogga und alles war gut, bis der MamS einen neuen Wandbezug anmahnte. Er quengelte lang, ich gab schließlich nach und ahnte bereits, was kommen musste.

Von Anfang an befanden wir uns im Papierkrieg. Allem Wässern, jedem brutalen Perforationsversuch mit der gemeingefährlich anmutenden Nagelwalze, jedem gnadenlosen Schnitt mit dem Cuttermesser trotzte die bis dahin treue Gefährtin und hing fester an der Wand als die Queen an ihrem Thron.
Papa hatte es gut gemeint mit dem Leim oder was er da immer in den Eimer gemischt hatte. Vielleicht ganz catweazlesk gemahlene Kröten oder Spinnenbeine oder Eichhörnchenblut; das Wandkleid war jedenfalls schier untrennbar mit der Wand verschweißt.
Schwitzend arbeiteten wir uns durch die Wand. Die Spachtel glühten um die Wette mit unseren Leibern, die schleimigen Schlacken immer wieder von den Geräten kratzend, bahnten wir uns den Weg durch den Raum. Es war zwar grauenvoll, aber immerhin waren wir vereint im Elend, der MamS und ich, und wir wetterten. Sehr. Übelst. Verdammte Axt. ALTER!

Irgendwann hatten wir es geschafft und stellten uns vor, wie mein Vater gerade auf einer schattigen Wolke sitzt. Er hält lässig ein Würzburger Hofbräu in der Hand, guckt uns kopfschüttelnd zu und sagt sowas wie „Die war doch noch gliedgut, die Tapete!“. Und wo er Recht hat, hat er Recht.

Einen gemalten Tag wünscht
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Frapper wanted!

Ich hatte mal eine Schwiegeroma aus der Oberpfalz. Eine massige Frau war sie, als Schmiedin muss man ja eher von rustikaler Statur sein. Weil ich sie ob ihres Dialekts nicht verstand, wusste ich nie, ob sie es missbilligte oder belustigte, wenn sich Dixie z.B., was sie damals gerne tat, sofort nach Erstürmung der schwiegerelterlichen Wohnung aus Spaß an der Freude splitternackt auszog.
Kryptische Laute drangen aus dieser Frau, unverständlich, als hätte man den Parsival durch eine Enigma gejagt, als hätte sie den Mund voller Murmeln, die als Worte, die immer hinten, vorne oder in der Mitte ein „Ooouuu“ beinhalteten, herauspurzelten. Die Kunst war, an den richtigen Stellen zu nicken oder mit dem Kopf zu schütteln. Das gelang natürlich nicht immer, was oft zu empörten Blicken führte. Mit einem Alien aus dem System Alpha Verstehnix hätte ich mich leichter unterhalten können, als mit dieser Eiche aus Cham.

Daran dachte ich, als ich gestern über BBou stolperte. Da war es wieder, das „ooouu“. Nun steht Rap nicht an allererster Stelle meiner Musikvorlieben. Auch nicht an zweiter. Oder dritter. Eigentlich steht er ziemlich weit unten in der Beliebtheitsskala, was vornehmlich am präpotenten Protzgepose kettenbehängter Menschen mit dem Liebreiz eines Bluthundzwingers liegt, deren Texte meist ohnehin zwischen justiziabel und indiskutabel liegen. Ich möchte mich da gar nicht weiter auslassen. Zum Glück kann ja jeder hören, was er mag.

Weil ich aber der neugierige Typ bin, horchte ich auf, als der Moderator BBou als „Mundart-Rapper aus der Oberpfalz“ ankündigte. Ich meine das ist, als ob Helene Fischer Iggy Pop covert! Im bunten Shirt und barfuß saß der Mann da auf dem Sofa, zutiefst sympathisch und voll seine Base chillend, oder was die heute so sagen. Der eingespielte Clip war einigermaßen verstörend, was mich erst recht neugierig machte, so dass ich mich durch die Youtubedia klickte und an „Heastas“ ähm, festhörte. Plötzlich empfand ich es als Herausforderung, den Text zu übersetzen, auch wenn Vorwissen des oberpfälzerischen Idioms nur durch obige Schwiegeroma vorhanden war! Nach bereits ca. 287912 Durchgängen hatte ich ca. 2/3 1/4 die Hälfte des Textes verstanden! Geht doch! Zusammen mit den verschrobenenen Eingeborenen am Anfang und am Ende des Clips ist das ein herrlicher Spaß, eine augenzwinkernde Reminiszenz an den frühen Rap, der ja mehr anspruchsvoll als beängstigend war.

„Der bayrische Tupac kommt in dei Kuhkaff und macht dei Kuh platt!“

Ist nicht erstaunlich, welche Poesie diesem Rap inne wohnt?

Natürlich frage ich mich jetzt, ob das im Fränkischen auch möglich wäre: Mundart ist ja gerade voll en vogue. Franken-Rap? Der Frap?

„I houl dei nei Eila ausm Grumberafeld, wennsd mehnst schieß ichs naus a nua füa a Fersengeld!“

Da steckt doch Potenzial drin, Alter! Frapper, anyone?

Yo, bitches Eine reimige Nacht wünscht
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